Merkwürdig

Ein Fresko voller Blut – oder Blumen?

Die Philosophie des Kults ist ja von Pavel Florenskij selbst als “Anthropodizee” bezeichnet worden, als Gegenstück gemeint zu einer “Theodizee”, die er bereits fünf Jahre vorher mit “Säule und Fundament der Wahrheit” vorgelegt hat. Eine Theodizee ist üblicherweise ein Erklärungsversuch dafür, wieso Gott so gut und trotzdem in der Welt so viel Böses ist, und rechtfertigt Gottes Tun oder auch (gefühltes) Nichtstun. Die Antwort Florenskijs liegt im Titel seines Werkes: Denn als Säule und Fundament bezeichnet Paulus die Kirche, die Gemeinde – als den lebendigen Leib Christi. Das Extrem-Opfer des eigenen Sohnes zur Errichtung eines Auswegs für die Menschen aus dem irdischen Jammertal und dem daran anschließenden Hades – das ist es, wofür wir Christen unseren Gott so lieben. Man nennt es Kenosis.

Die Anthropodizee fragt nun, wie der Mensch sich angesichts dieses Gottesgeschenks rechtfertigen kann, wie er die selbstgewählte Gottferne überwinden und auf dieser von Gott errichteten Himmelsleiter geheiligt werden kann. Florenskij lenkt das Augenmerk in seinen Vorträgen, bei denen es ja um Kultphilosophie geht, nicht so sehr auf die Askese als vielmehr auf den mystischen Zugang zu dieser Himmelsleiter, zu dem sakralen Kern des göttlichen Opfers, und auf die Möglichkeit und Art dieser Annäherung, der Theosis.

Symbol der Kenosis – der Vorleistung Gottes durch totale Selbsterniedrigung vor uns Nichtswürdigen – ist bekanntermaßen das Kreuz und der daran erhöhte Gottessohn. Es ist dies der kultische, sakrale, mystische Mittelpunkt, aus dem uns Gottes Gnade entgegentritt, und zwar – da wir zu unrein sind, um diese Gnade en bloc zu schauen und aufzunehmen – in Form der sieben Sakramente, mit denen der Herr alle wichtigen Lebenssphären weiht: Ernährung, Reinigung, Kleidung/Wohnstatt, Fortpflanzung, Machtausübung, Bildung und Kommunikation.

Um seine Vorstellung vom Kreuz als Quell der Gnade zu verdeutlichen, bezieht sich Florenskij auf ein Fresko:

In der Johannes-Täufer-Kirche in Jaroslav befindet sich an der Decke der Sakristei im Südschiff eine bemerkenswerte Wandmalerei aus dem 17. Jahrhundert, die einen direkten Bezug zu unseren Vorlesungen hat. Diese Malerei stellt die sieben Sakramente der Kirche Christi dar. Sieben Gruppen – an Details erinnere ich mich nicht, sie sind aber auch unwichtig – stellen den Vollzug der sieben Sakramente dar: Hier wird ein Kind getauft, da ein junges Paar gekrönt, dort ein Kranker gesalbt usw. Mit einem Wort, alle sieben Sakramente sind dargestellt. In der Deckenmitte befindet sich die Darstellung der Kreuzigung, Golgota. Aus fünf Wunden strömt das Blut des Erlösers. Diese Ströme teilen sich jeweils in sieben Teile auf, die sich dann wieder zu je fünf verbinden und so sieben Strahlen bilden, die sich, wie gesagt, aus dem Blut jeder der fünf Wunden zusammensetzen. Diese sieben Blutstrahlen fallen auf die sieben oben genannten Gruppen, die sieben Sakramente – jeder fließt auf eine davon, reinigt und heiligt durch sich die Sakramente selbst. Mit anderen Worten, hier ist gerade das dargestellt, was wir weiter oben gesagt hatten: Sieben Sakramente – sieben Pfeiler der Kirche – sieben Punkte, um die sich der gesamte Kult konzentriert, leben aus dem Blut Christi, nähren sich davon, werden von ihm gehalten und gehen aus ihm hervor. Alle Sakramente umgeben das Sakrament der Sakramente – Golgota –, sind dessen Folge und seine lebendige Entfaltung. Im Kern sind es nicht sieben Sakramente, sondern nur eins, in der Siebenzahl aber wird dieses uns zugänglich.

Kultphilosophie IV 6

Merkwürdig nur: Dieses Fresko gibt es da nicht.

Der russische Herausgeber verweist auf eine Darstellung über der Nordtür dieser Kirche, entstanden 1694/95. So sieht sie aus:

Kreuzigungsgruppe über dem nördlichen Eingang der Johannes-Täufer-Kirche. Sieben sakramentale Szenen beidseits des Eingangs sind damit ornamental verbunden

Es ist alles so wie von Florenskij beschrieben, nur statt Strömen von Blut – rankende Blumen…

Detailansichten
Mein Dank für die Bilder geht an Museumsanlage Kreml Jaroslawl
https://yarkremlin.ru/
Ein lohnenswertes Ziel für’s Wochenende 😉

Wenig wahrscheinlich, dass jemand im 20. Jahrhundert das Fresko so radikal verändert hat…

Außerdem gibt es Darstellungen dieser Wandbemalung aus der Zeit vor Florenskij – der Maler Petr Wereschtschagin hat sie künstlerisch verewigt:


Auch gezoomt wird es nur schlechter, nicht anders – kein Blut nirgends:

Das ist vielleicht eine Kleinigkeit, vielleicht auch ein Hinweis auf die Art zu denken von Pavel Florenskij – zwischen den Zeilen (hier -Ranken) zu lesen, hinter der Fassade eine höhere Realität wahrzunehmen, hinter einem Heiligenbild den Heiligen, hinter dem Namen Gottes Gott.

Ich erinnere mich, dass er zu jener Zeit auch mehrfach in Moskauer Kirchen in Gesprächskreisen außerhalb des Gottesdienstes auftrat, zumeist über den Namen Gottes. Er sprach darüber, dass „auch nicht eine Rasierklinge zwischen den angerufenen Namen und den Genannten selbst passt.

S. Fudel’ über Florenskij, 1909

Vielleicht ist es aber doch der Zahn der Sowjetzeit, der dieser Kirche hart zugesetzt hat. Das Südschiff mit einer vormals vielleicht vorhandenen Sakristei sieht jedenfalls so aus:

Die Kirche mit ihren dreitausend (!) Fresken ist erst seit dem letzten Jahr im Fokus der Restauratoren. Für 1, 7 Milliarden Rubel wird sie in den kommenden fünf Jahren wieder schick gemacht. Und dann werden wir ja erfahren, welche Geheimnisse die Sakristei verborgen hält.

Banknote 1000 rubles 2004 back.jpg

Die Johannes-Täufer-Kirche auf der Tausend-Rubel-Banknote


Auf welchen Stufen nun Gottes Gnade in die Welt ausgeht und der Mensch zu Gott findet, und warum es vielleicht doch gerade sieben Sakramente sind, das sei ein andermal erzählt. Kleiner Spoiler:

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