Weihrauchfass

Wenn s Raachermannl naabelt

Von der Diskontinuität des Weihrauchduftes

Ein kleiner weihnachtlicher Beitrag über Räuchermännchen, Weihrauch im Allgemeinen, Division durch Null und was Kant damit zu tun hat. Frei nach P. Florenskij

Nu is in dor Haamit vunn Peter bald wiedr emol Heiligohmd… Kurz vor dem Christusfest, das im Erzgebirge aus verschiedenen, nur partiell christlichen Gründen ausgiebig exerziert wird, erlaube ich mir unter den gediegenen Klängen des Sachsen Galliculus (†1550) ein thematisch passendes kleines Bonbon für theologisierende Hobbymathematiker. Ich widme es all den Räuchermännchen meiner Kindheit, ohne die ich damals nicht mit Weihrauchduft in Berührung gekommen wäre…


Weihrauchfass

Den Weihrauch bringen wir Dir dar, Christus Gott, zum Dufte geistlichen Wohlgeruchs, auf dass Du ihn in Deinen himmlischen Altar aufnehmen, und uns die Gnade Deines Heiligen Geistes herabsenden mögest.

Das ist der Segensspruch des Priesters für das Weihrauchfass vor dem Weihräuchern, was ja in orthodoxen Kirchen massiv praktiziert wird, solange Greta es nicht verbietet, und gewiss auch dann noch.

Über den Weg des duftenden Feinstaubs vom Weihrauchfass bis in die gläubige Nase, wie ihn dieses Gebet beschreibt, macht sich der Mathematiker Vr. Pavel so seine Gedanken.

“Zum Dufte geistlichen Wohlgeruchs… εις όσμήν εύωδίας πνευματικής” – Wie kann Räucherwerk GEISTLICHER Wohlgeruch sein? So fragt uns das kantische Denken. Ist etwa das Geistliche nicht das Moralische, das nichts mit Weihrauch, Stofflichem also, wenn auch in der Luft zerstreut, gemein hat?

Die Weg-Zeit-Funktion eines Räucherwerks wird so unvermittelt zu des Messers Schneide, an dem sich weltliches und geistliches Denken scheiden, und Vr. Pavel nutzt die Gelegenheit weidlich:

Hier ist es an der Zeit, diese Idee zu zerschlagen, um wenigstens einmal, in wenigstens einem Winkel des Lebens den Kantianismus oder auch Antikantianismus zu Ende zu denken, in aller Schärfe, ohne ihn durch Unbestimmtheit zu verwässern.

Es geht hier also gar nicht mal nur um die Nase, sondern um’s Prinzip – hier speziell um das Grundprinzip der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung, der kantischen Philosophie. (Florenskij und Kant, das ist auch nochmal ein Thema für sich. Eine Hassliebe, ganz großes Kino…)

Jedenfalls wäre der Weg des Weihrauchs bei Kant, und damit bei den meisten hier im Westen seit Kant auch, ein ganz praktisch vernünftiger:

Graph einer linearen Funktion
protestantisch geradewegs in die Nase

Wenn wir sozusagen „einfach“, d.h. wie Kant, dessen Ausbreitung in der Luft als Schwaden und Wirbel betrachten, so müssen wir in kantischer Weltauffassung die Bahn jedes einzelnen Moleküls der Weihrauchdünste als ununterbrochen und durch eine analytische Funktion darstellbar betrachten. Kant zufolge kann diese Bahnlinie vom Räucherfass bis zu uns hin prinzipiell keine auch nur geringste Unterbrechung haben, ebenso wie auch die Zeit, während der sich diese Bahnbewegung vollzieht.

In der Kontinuität dieser Prozesse gibt es aus Sicht von Kant oder – weiter gefasst – der Renaissance nirgends eine winzigste Lücke ihrer Analytizität (im mathematischen Sinne), in der auch nur eine Rasierklinge oder die Schneide eines Skalpells Platz fände. Deshalb wird und kann prinzipiell niemals und nirgends in diesem von vorne bis hinten verpanzerten „Diesseits“ ein noch so winziges „Jenseits“ aufleuchten.

Weihrauch

Ontologisch (aber) steigt der Weihrauch in himmlische, noumenale Sphären auf, und zurück zu uns herab gelangt nicht mehr bloßer Rauch, sondern die Gnade des Heiligen Geistes in Form des Weihrauchs – als Weihrauch. Die Bahn der Weihrauchteilchen wird mystisch zerrissen, sie besitzt keine ontologische Kontinuität.

ein diskontinuierliche Funktionsgraph
orthodox mit unscheinbarem Umweg ad infinitum
_______
P.S.: Das erhält man, wenn man das gewöhnliche lineare Leben y = mx + n (oberes Bild) auf eine höhere Potenz davon bezieht: y = (mx + n)/x^2 😉

Mit der Gewissheit des Mathematikers, der gerade q.e.d. unter eine Herleitung geschrieben hat, fährt Vr. Pavel fort:

Für einen Mathematiker vollzieht sich hier … etwas völlig Gesetzmäßiges, sogar mehr als bei kantischer Ununterbrochenheit dieser Bahn, schließlich ist Diskontinuität selbst das allgemeine Gesetz, so dass es Hoffnung auf eine unendlich kleine Wahrscheinlichkeit wäre, allüberall Kontinuität anzunehmen…

Für Vr. Pavel ist – wieder einmal – das Sprunghafte, Diskontinuierliche der Normalfall, langweilige Stetigkeit dagegen Ausnahmezustand, Tod. Er bedauert es im weiteren sehr, mit den „Denkern der Renaissance“ ihrer primitiven Mathematik wegen nicht eine noch viel spannendere Frage diskutieren zu können, nämlich:

Wo befindet sich der Duft bei x = 0?

Diese Frage klingt nur scholastisch, denn zugespitzt hat sie die Dimension von Leben und Tod, und zwar sowohl unmittelbar als auch geistlich-ewig. Wir glauben schließlich, siehe oben im Gebetstext, dass dieser Weihrauch als geistliches Opfer zum Herrn aufsteigt und von dort als Gnade des Heiligen Geistes zu uns wieder herabgesandt wird. Doch

… schließlich kann dieser Weihrauch allgemein gesehen nicht nur in den himmlischen Altar Gottes aufsteigen, sondern zu verschiedenen anderen nichtirdischen Plätzen, zum Beispiel in die Unterwelt.

Und Vr. Pavel fragt:

Gäbe es in dieser Frage kein klares Bewusstsein, würden dann Heerscharen von Martyrern zur Kirche gezählt?

Wäre das Weihräuchern nämlich nur schöner Brauch – hätten dann die frühen christlichen Martyrer nicht problemlos den Weihrauch mit vollen Händen auf die römischen Götzenaltäre werfen können, so wie es die Herrschenden verlangten? Warum hätten sie sich eines Brauchtums wegen den Löwen ausliefern sollen? Schließlich ginge es ja, wie Kant versichert, bloß um aromatische Düfte, die durch die Straßen und Plätze in Rom, Antiochien, Alexandrien ziehen sollten …

… doch stand dieser positivistischen Vereinfachung und Erleichterung jener für die Martyrer so schwierigen Frage das klare Bewusstsein über den weiteren Weg der Räucherteilchen entgegen, deren Hinabsinken zum Altar des Satans und ihre Zurücksendung – ja, Zurücksendung, d.h. ihren Tausch gegen schwarzen Segen. Sich dessen in ihrer geistlichen Schau bewusst, zogen die Martyrer vor, was Martyrer immer vorziehen.


Unn nu aber ran an de Wichtelei…

Räucherkerzen-Reklame aus der DDR
Räucherkerzen-Reklame aus der DDR

Alle Zitate aus: P. Florenskij: Die Philosophie des Kults, VII.15

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